Wie die Geheimdienste und US-Eliten sich die Zukunft vorstellen

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Foto: Pixabay

Mehr Globalisierung, mehr Transhumanismus, weniger traditionelle Familienstrukturen, mehr Individualismus, mehr Massen-Migration, mobile Arbeiterheere. So stellen sich die US-Vordenker die Zukunft 2030 vor. Doch sie verlieren ihren Blick für Identitäten und Traditionen. Das könnte sich bitter rächen.

Was lässt sich aus Statistiken ablesen? Trends zum Beispiel. Was lässt sich aus Statistiken nicht ablesen? Künftige Umkehrungen von Trends. Auch Revolutionen oder politische Machtverschiebungen können Trends eine völlig neue Richtung geben. Da hilft keine Kaffeesatzleserei. Dennoch bemühen Geheimdienste und Nachrichtendienste all ihre kollektive Intelligenz, um ein Bild von der Zukunft zu präsentieren. Ein Beispiel ist der Bericht »Global Trends 2030: Alternative Worlds« des »US National Intelligence Council«.

Dort wird für uns in die Glaskugel geschaut. Was sieht man dort? Mehr Globalisierung, mehr Transhumanismus, weniger traditionelle Familienstrukturen, mehr Individualismus, mehr Massen-Migration und mobile Arbeiterheere.

Thomas Flichy de la Neuville und Gregor Mathias schreiben in ihrer Kritik an den »Global Trends 2030« etwas Bemerkenswertes: »Weil die amerikanischen Eliten unfähig sind, die Bedeutung des kulturellen Aspekts für die Konstruktion von Identität in ihre Überlegungen einzubeziehen, sind sie auch nicht in der Lage, sich ein Bild von der Zukunft zu machen« (S. 23, in: »2030 – Neue Geopolitik und die Welt von morgen«).

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, der Brexit, die konservativen und teils sogar nationalistischen Bewegungen in Europa und Nordamerika haben haben die Nachrichtendienste in ihren »Global Trends« nicht vorhersehen können. Sie haben anscheinend die Möglichkeit außer acht gelassen, dass die Zivilgesellschaft zu Gegentrends fähig ist.

»Human Enhancement«

Es gibt eine Entwicklung, die sowohl die Trendberichte als auch ihre Kritiker gleichermaßen auf uns zu kommen sehen. Es handelt sich um den Trend zum Transhumanismus durch »Human Enhancement«. Das bedeutet im Klartext: Die digitale Revolution wird uns in unserem Leben weiter komplettieren. Nicht, dass wir ohne sie nicht komplett wären. Aber die Ideologie und Philosophie des Transhumanismus hat sich nicht humanistische Werte auf die Fahnen geschrieben, sondern die Überwindung menschlicher Schwächen und Beschränkungen.

Ein Symbol dieser Entwicklung ist das Smartphone. Schon jetzt sind viele Menschen ohne ihr Smartphone kaum noch handlungsfähig. Sie brauchen die Kommunikation, die Information, die Konnektivität. Wissen wird sich nicht gemerkt, sondern im Smartphone abgefragt. Das Smartphone dient nicht nur im Auto als Navigationsgerät. Überall im Alltag kann man beobachten, wie immer mehr Menschen Sklave ihres Smartphones geworden sind.

Natürlich geht die Planung weiter: Intelligente Uhren, Hörgeräte, Herzschrittmacher, künstliche Organe, Exoskelette, allerlei intelligente Implantate und vielleicht bald der Microchip im Gehirn. Es gibt schon viele Freiwillige, die sich einen Microchip in die Hand haben implantieren lassen. Das ist nur ein erster Schritt in eine Cyborg-Welt, in welcher die Grenze zwischen Mensch und Maschine verwischt.

Dabei darf man sich keiner Illusion hingeben: Wenn erst einmal ein Chip mit den wichtigen Daten wie Personalausweis, Krankenkassenkarte, Bankkarte, Kreditkarte, Adressbücher, Türöffnungscodes usw. implantiert ist, dann wird er auch von außen lesbar und manipulierbar sein. Doch das scheint den Menschen kaum Angst zu bereiten, denn auch ihre heutigen Smartphones sind keinesfalls sicher. Dennoch vertrauen viele Menschen ihren Geräten ihr halbes Leben an.

Was die Entwicklung der Mensch-Maschine angeht, darf man sich keinen Illusionen hingeben. Da keine Industrienation und kein Technologiekonzern den Anschluss verlieren möchte, wird der Wettbewerb automatisch diese Entwicklung beschleunigen. Angesichts der Überwachungs- und Manipulationsmöglichkeiten wirken die möglichen Folgen eher dystopisch als utopisch. Ein Paradies wartet nicht auf uns.

Massenmigration

Ein weiterer Punkt, bei dem sich die Zukunftsvisionäre und deren Kritiker einig sind, ist die Aussicht auf die wachsenden Massenmigrationen. In den »Global Trends 2030« ist schon von einem »new age of migration«, also von einem »neuen Zeitalter der Migration« die Rede.

Die demographischen Trends in Europa und jene in Afrika und Vorderasien können unterschiedlicher nicht sein. Die Massenmigration über den Vorderen Orient und über das Mittelmeer nach Europa wird unausweichlich zunehmen. Während die »Global Trends 2030« bei den Massen-Migrationen nach Europa wie von einem unausweichlichem Phänomen sprechen, geben die Kritiker an, dass es in Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Abwehrhaltung kommen wird und die Migration aufgehalten wird – wie bereits in Australien geschehen.

Klar wird jedoch sein, dass die Weltbevölkerung auch bis 2030 weiter gewachsen sein wird, und zwar bis auf acht oder neuen Milliarden Menschen. Die Urbanisierung wird zunehmen. Die Megastädte werden weiter wachsen. Der Bedarf an Rohstoffen und Nahrungsmitteln wird zunehmen. Der Kampf um sauberes Wasser wird ebenfalls zunehmen. Der Bericht »Global Trends 2030« geht davon aus, dass durch die Überalterung der Gesellschaften der Erhalt des Lebensstandards in vielen Gesellschaften ein Problem werden wird. Die ökonomischen Schwerpunkte werden sich zunehmend nach Asien verlagern.

Es werden insgesamt in der Welt immer neue regionale und globale Ungleichgewichte entstehen. Regionen und Länder werden sich durch Wirtschaftlichkeit, Altersstruktur der Gesellschaft, Ressourcen und vor allem Einkommensunterschiede unterscheiden und somit permanent Sogwirkungen auslösen, die regionale und überregionale Massen-Migrationen auslösen. Es wird »globalized flows of workers« geben, das heißt »weltweite Ströme von Wanderarbeitern«.

Parallel werden traditionelle soziale Strukturen aufgelöst. Die weltweite Individualisierung wird in Wechselwirkung mit der durch die Umstände erzwungenen Mobilität und Flexibilität zunehmen.

»Game Changers«

Die »Global Trends 2030« zeigen immerhin die potentiellen Unwägbarkeiten auf, die Entwicklungen in in unberechenbare Richtungen geben können. Solche »Game Changers« sind zum Beispiel die empfindliche Finanzwirtschaft, die innerhalb kurzer Zeit in eine Krise rutschen kann. Außerdem birgt die immer komplexere Politik wachsendes Konfliktpotential. Auch dies ist eine Unwägbarkeit. Hinzu kommen regionale Instabilitäten besonders in Afrika, im Nahen Osten und Südasien. Auch kann der Einfluss neuer Technologien auf Wirtschaftszweige die Ökonomien einzelner Länder und Regionen stark beeinflussen.

Nicht auszuschließen bleibt ein Supergau: Als große Gefahren werden in den »Global Trends 2030« ausgemacht: Globale Pandemien (schnelle Verbreitung durch den wachsenden Verkehr, Immunität von Erregern gegen Antibiotika, etc.), beschleunigter Klimawandel und Zunahme von Naturkatastrophen, ein Kollaps der EU und/oder des Euro, Cyber-Kriege, ein Nuklearer Krieg.

Der Faktor der kulturellen Identität

Einschätzungen scheitern immer wieder an der Unvorhersagbarkeit neuer Narrative, die sich an der kulturellen (und religiösen) Identität festmachen. Menschen können große Entwicklungen erkennen und bewusst Gegentrends, Protest-Bewegungen oder gar neue gesellschaftliche Zielsetzungen kreieren. Wir können nicht einschätzen, wie die Europäer darauf reagieren werden, wenn ihr Kontinent zunehmend an Bedeutung verliert und durch Massen-Migration verändert wird. Umso weniger können wir vorhersehen, wie China oder Japan auf solche Veränderungen reagieren werden.

Viele Zukunftsdiagnosen scheitern daran, dass sie die Menschen als rein ökonomische Wesen betrachten, die sich den wandelnden Rahmenbedingungen anpassen. Doch Menschen können sich auch gegen diese Bedingungen stellen und neue Wege finden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf freiewelt.net

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