Wie der Staat zum Goldenen Kalb wurde

Die beutende Rolle des Staates in der heutigen Zeit geht zurück auf den Absolutismus, als der König und sein bürokratischer Staatsapparat wie ein Zünglein an der Waage die Interessen des Adels und der Kaufleute gegeneinander ausspielten.

Ein Beitrag von Sven v. Storch

Das Mittelalter war geprägt von zwei parallel existierenden Welten. Einerseits gab es die Welt des Feudalismus, andererseits die Welt der Kaufleute. Die Welt des Feudalismus war geprägt von Burgen, Vasallen und Bauern, die Welt der Kaufleute von Bürgerhäusern und Handelskontors.

Der europäische Feudalismus war gekennzeichnet von strenger Religiosität, Hierarchien und ritterlichen Werten und Tugenden. Alle Adligen, vom einfachen Junker bis zum König und Kaiser, hatten sich mit diesen Werten identifiziert. Selbst die Könige und Kaiser hielten sich an den ritterlichen Ehrenkodex. Kaiser Friedrich Barbarossa und der englische König Richard Löwenherz sind Beispiele für jene ritterlichen Herrscher, die an der Spitze ihrer Heeresschar zum Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen.

Die Welt der Kaufleute agierte im Hintergrund. Sie setzte die Handelstraditionen der Antike fort. Tugenden wie Rationalität, Realitätssinn, Verhandlungsgeschick, abgewogene Risikobereitschaft, gepaart mit einer Brise Chuzpe, prägten ihre Wertewelt. Im Mittelalter lebte diese Wertewelt in den Städten und Stadtstaaten fort. In Nordeuropa zählten dazu die Städte der Hanse. In Südeuropa waren es vor allem die norditalienischen Handelsstädte wie Venedig, Pisa, Florenz und Genua.

Während der Renaissance begann der Ablösungsprozess der feudalen Welt zugunsten neuer Staatsideen

Während der Renaissance in Italien brachte die Wertewelt der Kaufleute und Stadtstaaten eine Wende hervor. Diese Wende war bedingt durch die Verbindung des internationalen Handels mit militärischer Rückendeckung. Die Stadtstaaten stellten keine Ritterheere auf. Sie heuerten Söldner an. Diese Söldnerheere mussten finanziert werden. So erfand man die Staatsanleihen. Die wohlhabenden Kaufleute der Handelsstädte trugen zur Absicherung der Interessen ihres Stadtstaates bei, indem sie die Staatsanleihen kauften, mit denen das Militär finanziert wurde.

Zum Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit erwies sich die Kombination aus Handelsmacht und Söldnerheer effektiver und stärker als die Kombination aus Agrargesellschaft und ritterlichem Vasallentum. Dies führte zum Niedergang der mittelalterlichen Feudalgesellschaft. Der ritterliche Ehrencodex wurde zunehmend auf höfische Benimmregeln beschränkt. In der Politik machte sich dagegen der Geist Machiavellis breit.

Diese Entwicklung wurde durch die Entdeckung Amerikas und den Beginn der europäischen Kolonialambitionen verstärkt. Die Atlantikstaaten, die im Mittelalter an der Peripherie des europäischen Wirtschaftsgeschehens lagen, waren nun die Gatekeeper zur Neuen Welt. Spanien, Portugal, England und die Niederlande, in Kombination mit italienischen und deutschen Kaufmannsfamilien, wie die Fugger und Welser, entwickelten ein Machtgefüge, das die alte Welt des mittelalterlichen Feudalismus ins Wanken brachte.

Doch die Handelskompanien konnten ihre Schiffe nur unter dem Schutz einer Flagge fahren lassen. Die Monarchien und adligen Eliten des alten Europa gaben ihnen diesen Schutz. Damit war eine neue Allianz geschaffen. Die Interessen der Monarchien, des alten Adels und der Handelskompanien waren auf eine neue Weise miteinander verknüpft. Dies produzierte eine gegenseitige Abhängigkeit, aber auch Konkurrenz zwischen Noblesse und Kaufmannsstand.

Der Absolutismus als Vorform des modernen Staates

Diese wechselseitige Abhängigkeit eröffnete den Monarchien und ihren Staatsapparaten eine bisher nie dagewesene Einflussnahme. Wie ein Zünglein an der Waage konnten die Könige von Spanien und Frankreich mit wenig Aufwand Macht entfalten. Damit war der Weg frei zum Absolutismus.

Einer der wichtigsten Wegbereiter zum Absolutismus war Kardinal Richelieu in Frankreich. Er verstand sich nicht nur als Vertreter des Klerus, sondern als Staatsmann, der die Angelegenheiten des Staates im Auftrag des Königs regelte. Sein Ziel war die Stärkung der Zentralrolle des Staates, personifiziert in der Rolle des Königs.

Diese Entwicklung setzte sein Nachfolger Jules Mazarin fort. Unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. erreichte der Absolutismus seinen Höhepunkt. Der Adel war am königlichen Hofe in Versailles versammelt und von der Gunst des Königs abhängig geworden, da ihm keine wirtschaftlichen Grundlagen außer den Ländereien und Gunstgaben geblieben waren, die ihnen vom König zugesprochen wurden.

Die Handelskompanien und Kaufleute waren ebenfalls vom König abhängig, da sie für ihre Überseeambitionen den Schutz von Flagge und Krone benötigen. Außerdem strebten reiche Kaufleute danach, ihren Reichtum mit dem Erwerb eines Adelstitels zu krönen, um im gesellschaftlichen Ansehen zu steigen. Der Schlüssel zum Adelstitel lag beim König.

Schließlich entwickelte sich mit der Noblesse de Robe, dem Amts-Adel, eine völlig neue Kategorie. Denn mit dem Monopol des neuen Zentralstaates auf Militär und Steuern waren alle zuvor autonomen gesellschaftlichen Kräfte auf den Schutz und die Gunst der Regierung angewiesen.

Der König selbst war die Personifikation des Ganzen. L‘etat c’est moi – der Staat bin ich, sagte Ludwig XIV. Versailles wurde zum Zentrum Frankreichs. Die Architektur und Städteplanung der neuen Zeit verlieh dem radikalen Zentralismus sichtbaren Ausdruck. Frankreichs Absolutismus wurde zum Vorbild für ganz Europa. Der Absolutismus wurde somit zum Wegbereiter des modernen Nationalstaats, mit dem Unterschied zu heute, dass das einigende Symbol der König war und nicht das Staatsvolk.

Mit der französischen Revolution wurden der König und sein alter Schwertadel abgeschafft. Das Parlament als Sprachrohr des Volkes übernahm die symbolische Zentralfunktion. Doch das abstrakte Konstrukt des Staates mit seiner Bürokratie blieb – bis heute.

Der moderne Staat entfaltet seine Wirksamkeit nicht nur über Gesetze und Regelungen, sondern vor allem als Zünglein an der Waage beim Ausgleich von Interessen. An die Stelle der höfischen Günstlinge von einst sind die Lobbyisten getreten. Das ist die Basis für den modernen Zentralismus.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf freiewelt.net