Wie der Konflikt um Flüssiggas (LNG) die Interessen Europas und Deutschlands trifft

Das Giganten-Erdgasfels zwischen Katar und dem Iran ist zum Spielball der Geopolitik geworden. Auch die Interessen Europas sind unmittelbar betroffen. Denn vor der Küste Katars liegt im Persischen Golf das mit Abstand größte Erdgasfeld der Welt. Europa braucht dieses Gas, um von russischen Gaslieferungen unabhängiger zu werden. Das ist eine geostrategische Priorität geworden.

Ukraine, Russland, Syrien, Katar, Iran – diese Länder rücken immer wieder in den Fokus der Weltpolitik. Einer der vielen Gründe ist das Erdgas. Es geht um Pipelines, Ausbeutung der Gasfelder, Marktanteile und um Erdgas als geopolitisches Machtinstrument. Eine besondere Rolle spielt hierbei die wachsende Bedeutung des Flüssiggases (LNG) für Europa.

Besonders die Krise um den kleinen Golfstaat Katar trifft auch europäische Interessen. Um das zu verstehen, muss man folgende Fakten kennen:

Erstens: Erdgas gilt als Energieträger der Zukunft, um Peak-Oil abzufedern

Erdgas gilt als die Energiequelle der Zukunft. Weil die Ausschöpfung der Erdölreserven an ihre Grenzen gerät und immer weniger neue Erdölfelder gefunden werden, wird Erdgas immer wichtiger. In verflüssigter Form kann es Erdöl-Produkte wie Benzin, Diesel oder Kerosin ersetzen und als Kraftstoff genutzt werden. Außerdem wächst die Bedeutung des Erdgases als Energiequelle in der Industrie und zum Heizen von Millionen Haushalten in Europa, Asien und Nordamerika. Der Markt für verflüssigtes Erdgas (LNG = „Liquefied Natural Gas“) wächst. Das bestätigen auch die Analysten von Exxon Mobil und Chevron.

Zweitens: Russland ist der Hegemon auf dem Erdgas-Markt

Die größten Erdgas-Reserven und Förderkapazitäten haben Russland und der Iran. Man schätzt, dass rund 32 Prozent des weltweiten Erdgas-Vorkommens in Russland liegen. Die russischen Gesamt-Reserven werden auf 48,7 Billionen Kubikmeter geschätzt. Erdgas macht etwa 12 Prozent des gesamten russischen Exports aus. Der größte Abnehmer für russisches Erdgas ist Europa.

Die meisten Erdgasfelder Russlands liegen in der Taiga, Tundra oder im Polarmeer. Die größten russischen Gasfelder haben jeweils Reserven von 3 bis 6 Billionen Kubikmeter. Die meisten Felder sind jedoch wesentlich kleiner. Das Gas wird über lange Pipelines nach Europa transportiert. Wie sehr Europa auf russisches Erdgas angewiesen ist beweist die Tatsache, dass selbst in Zeiten des Kalten Krieges die NATO-Staaten Erdgas aus der Sowjetunion importiert haben.

Drittens: Die EU und die USA wollen Russlands Macht auf dem Erdgas-Markt brechen

Dass das politische und wirtschaftliche Establishment in den USA auf Russland und Wladimir Putin nicht gut zu sprechen ist, dürfte kein Geheimnis mehr sein. Russland gilt immer noch als geostrategischer Gegner der USA. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb man innerhalb der USA dem Präsidenten Donald Trump das Leben und Regieren so schwer macht: Man will verhindern, dass er sich zu sehr Russland annähert. Wenn es nach dem US-Establishment geht, können die Sanktionen gegen Russland nicht hart genug sein.

Auch die EU singt im anti-russischen Konzert mit. Das muss sie, weil das US-Establishment das so will. Die Amerikaner haben es nicht mit Freude zur Kenntnis genommen, dass Deutschland via Pipelines durch die Ostsee zum Großimporteur und Durchgangsland für russisches Erdgas geworden ist (siehe die Deals zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin). Daher wird Druck auf die EU und Deutschland ausgeübt. Die EU soll sich von russischen Gasimporten unabhängiger machen. Der Erdgasimport der EU soll diversifiziert werden.

Eine Möglichkeit besteht darin, die Gasreserven Aserbaidschans am Kaspischen Meer auszuschöpfen. Hierzu sollen Pipelines sollen durch Georgien und die Türkei nach Europa führen. Doch die Reserven Aserbaidschans (südöstlich von Baku im Kaspischen Meer gelegen) belaufen sich insgesamt lediglich auf 2,6 Billionen Kubikmeter. Daher ist Aserbaidschan nur eine mittelfristige, aber keine langfristige Lösung.

Viertens: Katar kann das europäische Erdgas-Dilemma lösen

Nun gibt es ein Erdgasfeld, das größer als alle anderen Erdgasfelder der Welt ist. Mitten im Persischen Golf, zwischen Katar und dem Iran, liegt das „South-Pars-Gasfeld“. Die Reserven dieses Giganten-Gasfeldes belaufen sich auf etwa 35 Billionen Kubikmeter! Damit ist dieses Gasfeld mehr als fünfmal größer als das größte Gasfeld Russlands.

Damit ist Katar zum Joker im geostrategischen Ringen um Erdgas geworden. Europa könnte mit dem Erdgas aus Katar auf Jahre hinaus unabhängig von russischem Erdgas sein. Die USA und die EU hätten ein perfektes Druckmittel gegen Russland.

Zwar teilt sich Katar das Gasfeld mit dem Iran, doch bei gelockerten Sanktionen könnten man eventuell auch vom Iran zusätzliches Erdgas einkaufen. Der Iran plant diesbezüglich eine Pipeline zur Türkei, um wiederum von dort aus an das europäische Netz anzuschließen.

Fünftens: Katar will den LNG-Markt ankurbeln, um das eigene Erdgas zu verkaufen

Ursprünglich hatte man in Katar gehofft, Pipelines durch Saudi-Arabien und Syrien in die Türkei zu errichten, um von dort an das europäische Gasnetz anzudocken und die EU zu beliefern. Das wäre ein Bombengeschäft geworden. Katar würde hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens zum reichsten Staat der Erde avancieren – was es übrigens fast schon ist. Doch Saudi-Arabien hat sich aus Eigeninteresse quergestellt. Hinzu kommen der Bürgerkrieg in Syrien, die abweisende Haltung von Baschar al-Assad gegenüber solchen Pipeline-Plänen und das krisengeschüttelte Irak. Eine Pipeline direkt in die Türkei ist für Katar nicht möglich.

Doch Katar hat noch einen anderen Weg gefunden: Es hat massenhaft begonnen, Erdgas zu verflüssigen, das heißt in LNG umzuwandeln, indem es unter hohem Druck auf Minus 162 Grad Celsius gekühlt wird, um es dann mit speziellen LNG-Schiffen nach Übersee transportieren zu können.

Problem: Diese Methode macht das Erdgas um bis zu 20 Prozent teurer. Momentan sind es vor allem Japan und Südkorea, die LNG importieren. Weil diese Staaten abseits der großen Erdgaspipelines liegen, nehmen sie die höheren Kosten hin.

Lösung: Je mehr die LNG-Kapazitäten ausgebaut werden, desto kostengünstiger wird es, und somit auch erfolgversprechender auf dem Energiemarkt. Genau diesen Weg hat Katar nun eingeschlagen. Und der weltweite Energiemarkt reibt sich die Hände. Damit hat sich eine riesige Energiequelle aufgetan. Besonders Europa würde unabhängiger von Russland und unabhängiger vom Erdöl werden. LNG passt zudem besser in den Zeitgeist des Umwelt- und Klimaschutzes als Erdöl. Durch die Möglichkeit, LNG wie Erdöl in Tankern zu transportieren, wird zudem die Belieferung der Abnehmerländer flexibler.

Sechstens: Saudi-Arabien ist gegen Katars Erdgas-Boom – und gegen einen Aufschwung des Iran

Der weltweite Ausbau des LNG-Verkehrs, die wachsende Zahl der LNG-Tanker und das Bemühen, LNG in vielen Bereichen als Ersatz für Erdöls zu vermarkten, trifft das Herz der Wirtschaft Saudi-Arabiens. Die Saudis haben zwar weitaus mehr Öl als Katar, aber dafür deutlich weniger Erdgas. Wenn die Bedeutung des Erdgases wächst und die Bedeutung des Erdöls abnimmt, würde Saudi-Arabien wirtschaftlich verlieren, dagegen die zwei Staaten am großen Gasfeld im Golf – nämlich Katar und der Iran – gewinnen.

Als Katar erste Avancen einer Annäherung an den Iran machte, um für eine arabisch-persische Entspannung am Golf zu sorgen (die auch die Möglichkeit einer Kooperation bei der Ausbeutung des Gasfeldes einschlösse), ist man im saudischen Riad förmlich ausgerastet. Nichts ist für die Saudis schlimmer als an Einfluss gegenüber dem Iran zu verlieren. Katar wird von den anderen arabischen Golfstaaten deshalb wie ein Deserteur behandelt, der aus der geschlossenen anti-iranischen Linie der arabischen Staaten ausgebrochen ist.

Siebtens: Ein Konflikt am Golf wäre schlecht für die EU

Falls die Lage am Golf eskalieren sollte, wäre der Gasmarkt in dieser Region gestört. Dann würden die Pläne der EU, sich vom russischen Erdgas unabhängiger zu machen, wie eine Seifenblase zerplatzen. Daher ist zu erwarten, dass die europäischen Politiker einen diplomatischen Eiertanz hinlegen werden, um alle Seiten zu beruhigen. Denn das beste für die EU wäre, weiterhin billiges Erdöl aus Saudi-Arabien zu bekommen – ergänzt durch günstiges Erdgas aus Katar und dem Iran.

Achtens: Auch die USA haben Interesse am LNG-Markt

Die USA haben selber Erdgas, dass die gerne nach Übersee verkaufen würden. Das Problem: Große potentielle Abnehmer wie Asien und Europa liegen in Übersee. Im Gegensatz zu Russland stehen die USA einem großem geographischem Nachteil gegenüber, denn sie können keine Erdgas-Pipelines durch die Ozeane bauen. Doch wenn der LNG-Markt ausgebaut und wirtschaftlicher wird, dann könnten auch die USA LNG exportieren. Hierzu muss man jedoch verhindern, dass Russland seine Gasexporte ausbaut und der Iran an das europäische Netz andockt. Denn dann könnte man mit dem günstigeren Gas aus Pipelines nicht mehr konkurrieren. Eine Isolation Russlands und erneute Sanktionen gegen Iran würden dieses Problem lösen.

Diese acht Punkte zeigen, wie sehr das Thema LNG zum Faktor der Geopolitik geworden ist. Und Europa ist mitten drin. LNG birgt Konfliktpotential wie Sprengstoff.

Dieser Artikel erschien zuerst auf freiewelt.net