Was wollen wir sein? Eine Zivilgesellschaft mündiger Bürger oder eine graue Masse?

Kulturmarxisten und Finanzglobalisten zersetzen gewachsene Gesellschaftsstrukturen. Am Ende bleibt die unstrukturierte graue Masse. Dagegen hilft nur die Aufklärung der Zivilgesellschaft, um mündige Bürger zu schaffen.

Es ist ein Paradoxon. Es heißt, die Individualisierung führe zu mehr Diversität, das heißt zu mehr Vielfalt. Doch es ist umgekehrt. Das wachsende Maß der Individualisierung führt zu mehr Gleichheit. Die völlig individualisierte, also »atomisierte« Gesellschaft wird zur grauen, unstrukturierten Masse. Das Kennzeichen dieser Masse ist Anonymität. Und Einsamkeit des Individuums.

Ob man in London, Frankfurt, Berlin, Boston oder New York durch die Straßen zieht: Überall sieht man die gleichen Geschäfte, die gleichen Marken und Werbeslogans, junge Menschen mit Hipster-Mode und Smartphone in der Hand. Kaffee und Kuchen sind überall gleich, denn die jungen Menschen sitzen in global uniformen Starbucks-Cafés. Sie sehen überall auf der Welt die gleichen Hollywood-Filme, suchen auf iTunes nach der angesagten Musik. Ihre Facebook-Einträge und Fotos auf Instagram beweisen das: Die globalisierte Gesellschaft ist nicht bunt, sie ist normiert. Sie tanzt im Rhythmus der Werbung. Sie ist vollkommen manipuliert und fremdgesteuert, wie eine Herde Schafe auf der Wiese.

Wenige Personen und Institutionen lenken breite Massen

Wenige Personen in den Chefetagen der glitzernde Wolkenkratzer News Yorks und der City of London können draußen auf den Straßen der Stadt Millionen Menschen wie Blätter im Wind in eine bestimmte Richtung treiben. Wenn in diesen hohen Etagen ein neues Paradigma beschlossen wird, steht es bald in allen Zeitungen, sieht man es in der Mode, hört es in der Musik. Alle Nachrichten berichten davon – ohne den tatsächlichen Urheber dieser Bewegung zu nennen. Die Menschen denken, es sei ein Trend. Selten war eine Generation so blind für die Autoritäten, die sie lenken. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit war es möglich, die Menschen indirekt und dennoch effektiv zu lenken, ohne dass sie es merken.

Der radikale Individualismus ist wie der radikale Kollektivismus gleichermaßen gefährlich. Denn beides führt zum gleichen Ergebnis: Die Gesellschaft wird zu einer strukturlosen Masse. Eine strukturlose Masse kann leicht gelenkt werden. Individuen in einer strukturlosen Gesellschaft sind gegenüber einer Staatsmacht oder einem mächtigen Konzern hilflos ausgeliefert. Da hilft auch keine Facebook- oder Whatsapp-Gruppe. Denn dort gibt es keine Verbindlichkeiten.

Es sind Familien, Freundeskreise, Kommunen, Gemeinden, Gewerkschaften, Vereine, Bündnisse, religiöse und kulturelle Zugehörigkeiten und andere verbindliche Vergemeinschaftungen, die Strukturen in eine Gesellschaft bringen. Menschen, die aus solchen Strukturen herausfallen, geraten oft in eine Sinnkrise, werden beim Psychoanalytiker vorstellig oder greifen zu Drogen. Das Losgelöstsein von den Strukturen und der Kampf um permanente Selbstdarstellung und Selbstvermarktung macht die Menschen ängstlich und depressiv. Depression ist zur Volkskrankheit geworden.

Die Beliebigkeit der Werte besorgt den Rest. Klare Werte und Normen geben Richtung und Halt. Fällt dies weg, werden die Menschen orientierungslos. Alles kann heute sinnstiftend und morgen sinnlos sein. Nichts gibt dauerhaften Halt. Am Ende bleibt eine Existenz ohne Struktur.

Der heutige Zeitgeist des Werterelativismus lässt die Menschen erkaltet zurück. Verbindlichkeit gibt Sicherheit und Wärme. Unverbindlichkeit erzeugt Kälte. Ein eisiger Wind weht durch die junge Generation.

Der einzige Wert, der universell in unserer Gesellschaft als Maßstab funktioniert, ist die Konvertierbarkeit in Geld. Doch gerade dort zeigt sich ganz besonders die Perversion unseres Gesellschaftssystems. Die bedingungslose Liebe der Mutter zu ihren eigenen Kindern wird gesellschaftlich und wirtschaftlich bestraft, weil die Rolle der Mutter und Familie entwertet wurde und weil sie nicht ins Erwerbssystem integriert ist. Doch eine professionelle Erzieherin fremder Kinder gilt als emanzipiert und wird mit Gehalt und Rente belohnt.

Man sollte natürlich nicht vergangene Gesellschaftsstrukturen unkritisch glorifizieren. Auch sie hatten ihre Zwänge. Doch hat man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Befreiung hat zur Zerstörung geführt.

Neben der Entwertung der Familie kommt die Entwertung des Berufsbildes. Heute gibt es keine Berufe mehr, sondern Jobs. Und die Bevölkerung soll nach Möglichkeit zeitlich und räumlich flexibel sein, um heute diesen und morgen jenen Job anzunehmen. Hatte früher der Briefträger stolz seine Uniform getragen und sich mit den Bürgern seines Kiezes oder Dorfes gutgestellt, so eilen heute Briefzusteller in Trainingsanzügen durch die Straßen. Pakete werden von Subunternehmern ausgeliefert. Statt des Buchhändlers um die Ecke bestellt man heute via Amazon. Und das Essen liefert Lieferando.

Totalitarismus und Autoritarismus führen immer zur Unterdrückung

Der totalitäre Faschismus und Kommunismus sowie der autoritäre Finanzkapitalismus sind allesamt Ideologien, in denen Menschen als Massen wahrgenommen werden. Alle drei Richtungen versuchen, die Menschen wie abstrakte Ansammlungen von Arbeitskräftepotential zu analysieren, um das Maximum an Produktivität für übergeordnete Ziele abzuschöpfen. In allen drei Richtungen werden ganz oben (Partei, Politbüro, Schattenbanken) die Entscheidungen für die Richtung der Gesellschaft beschlossen und dann »top-down« nach unten weitergereicht. Wenn heute eine kleine Elite beschließt, dass die westliche Welt ihre nationalen Identitäten aufgeben und multikulturell werden soll, dann wird dieser Beschluss knallhart von oben nach unten durch alle Instanzen durchgesetzt – bis ins letzte Glied der Gesellschaft.

Der Unterschied zwischen den totalitären Systemen wie Faschismus und Kommunismus einerseits und dem Finanzkapitalismus andererseits liegt darin, dass erstere die Menschen direkt zur Arbeit zwingen und letztere zuerst den Menschen freie Hand zu lassen, um nachträglich den Mehrwert abzuschöpfen.

Das Gegenteil von Totalitarismus und Autoritarismus ist die Basisdemokratie

Eine Gesellschaft jedoch, die von der Basis aus streng subsidiär aufgebaut ist, ist frei von diesen Massen-Ideologien. In einer idealen subsidiären Gesellschaft trägt das Individuum die Verantwortung für alles Individuelle, die Familie für alles Familiäre, die Gemeinde für alles Kommunale. Die Regierung beschäftigt sich nur mit Dingen, die von den unteren Stufen nicht geleistet werden können. Hier gibt keine kleine Elite etwas von »oben« vor, das die Gesellschaft zu befolgen hat. Im Gegenteil: Das Handeln der Regierung ergibt sich aus der Entwicklung der einzelnen Gesellschaftsbereiche. Entscheidungen werden dort getroffen, wo auch die Betroffenen der jeweilige Entscheidung anzutreffen sind – nicht von einer abgehobenen Elite.

Eine basisdemokratische und streng subsidiäre Gesellschaft braucht nicht die Eliten, die sich bei den Bilderbergern, an der Wallstreet, in der »City of London«, in Washington DC, beim »Council on Foreign Relations«, »Chatman House«, »Rockefeller Foundation«, »Carnegie Endowment for International Peace«, »Brookings Institution« oder bei der UNO und ihren Unterorganisationen oder den Zentralbanken, der BIZ, dem IWF und der Weltbank treffen. Die Vorstellung, dass eine Elite von Plutokraten eine große Richtung vorgibt, die für die gesamte westliche Welt verbindlich sein soll, ist das genau Gegenteil von Basisdemokratie.

Ehrliche Solidarität kann nur basisdemokratisch funktionieren

Als im 19. und frühen 20. Jahrhundert Millionen Europäer nach Amerika auswanderten, landeten viele von ihnen zuerst in New York, Baltimore, Boston und den anderen großen Hafenstädten. Einzelreisende gingen zunächst unter, hatten kaum Anschlussmöglichkeiten und Chancen auf fair bezahlte Arbeit. Daher schlossen sie sich den Familien und Clans ihrer Landsleute an, die ebenfalls nach Amerika ausgewandert waren.

So bildeten sich in New York schnell ethnisch dominierte Viertel. Katholische Iren und Italiener, orthodoxe Juden, Russen und andere Gruppen bildeten Parallelgesellschaften, ähnlich wie es heute die Türken und Araber in Deutschland tun. In ihren Gemeinden fanden sie Anschluss, Sicherheit, Arbeit und Struktur sowie alle Verbindlichkeiten und Gemeinsamkeiten, die sie von ihrer Heimat her kannten. Wie die Volkszugehörigkeit, so die Religion: Von den Amish bis zu den Mormonen, von den Anglikanern bis zu den Baptisten, religiöse Zugehörigkeiten ergänzten die ethnischen Gruppenbildungen. Sie alle zeigen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nicht von einer Masse Individualisten, sondern von einer Summe kohärenter Gruppen aufgebaut wurden, die ihren Mitgliedern Gemeinschaft und Solidarität gaben. Diese Gruppen waren auch der Grund, weshalb sich in den USA niemals ein Sozialstaat wie in Europa durchgesetzt hatte. Soziale Sicherheit fanden die Menschen nicht vom Staat gestellt, sondern in ihrer Gemeinde.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass radikaler Individualismus und radikaler Kollektivismus gleichermaßen zu einer atomisierten und unstrukturierten Gesellschaft führen – zu einer grauen Masse. Denn es sind die traditionellen familiären und sozialen Bindungen, die Struktur und letztlich Farbe, Lebensfreude, Sicherheit und Geborgenheit in eine Gesellschaft bringen. Daher ist es Zeit, den Krieg der Kulturmarxisten und Finanzglobalisten gegen die Familie, gegen die Traditionen, gegen gewachsene Kulturen und Bräuche, gegen die Religionen und die Nationen zu beenden und zu den Wurzeln zurückzukehren. Denn wir brauchen beides: Wurzeln und Flügel.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf freiewelt.net