Linksintellektuelle und Wirtschaftseliten haben den Bezug zur Mittelschicht verloren

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Christopher Lasch (Foto: Wikimedia Commons / Public Domain]

Warum sind die Bürger in den USA und Europa konservativer als die akademischen und wirtschaftlichen Eliten? Nicht mehr die linken politischen Bewegungen stehen für die Interessen der Arbeiter- und Mittelschicht ein, sondern die Konservativen.

Auf der einen Seite wächst eine immer stärkere internationale Elite heran, die sich von den Normalbürgern abgewendet hat und in einer kosmopolitischen Welt zu Hause ist. Auf der anderen Seite wehren sich immer mehr Menschen der mittleren und unteren Einkommensschichten gegen den Verfall nationaler und regionaler Werte.

Nach Christopher Lasch (in dessen Buch »Die blinde Elite: Macht ohne Verantwortung«, deutsche Ausgabe: Hoffman und Campe, Hamburg 1995) ist der Zerfall der Mittelschicht in den meisten Industriestaaten für diese Spaltung der Gesellschaft verantwortlich. Dieser Ansicht hatte sich auch der ehemalige Chefberater von Donald Trump, Stephen (Steve) Bannon, angeschlossen. Bannon hat das Buch von Lasch als Augenöffner angesehen und in Interviews darauf Bezug genommen.

Die Mittelschicht in Amerika und Europa zerfällt, stattdessen wächst einerseits die superreiche internationale Elite von Wirtschaftskosmopoliten und andererseits das verarmte Prekariat

Sie studieren in Harvard und Yale, an der London School of Economics und Oxford, sie spielen Golf und haben eine Segelyacht. Die Welt ist für sie wie ein Spielplatz. Ständig sind sie auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten. Sie sind international, polyglott, weltoffen. Doch sie haben keinen Bezug zum Bäcker nebenan oder zum Handwerker, der ihr verstopftes Abflussrohr repariert. Dennoch glauben sie zu wissen, was für die breite Bevölkerung das Beste ist. Denn sie haben ja studiert, und an der Universität gab es viele linksintellektuelle Professoren. Die Rede ist von einer elitären Gesellschaftsschicht, die sich von der allgemeinen Bevölkerung längst mental und wirtschaftlich abgekoppelt hat. Sie blicken sogar mit Verachtung auf die Alltagskultur der Arbeiter und Angestellten. Dennoch halten sie sich für linksliberal.

Der 1994 verstorbene Geschichtsprofessor Christopher Lasch zeigt in seinem Buch auf, wie sehr die intellektuellen und wirtschaftlichen Eliten in den USA und Europa den lokalen, regionalen und nationalen Entwicklungen distanziert gegenüberstehen:

»Aufgrund ihrer Bindungen an eine internationale Arbeits- und Freizeitkultur, eine Welt des Business, der Unterhaltung und des Informationsflusses, stehen viele von ihnen dem drohenden Niedergang der amerikanischen Gesellschaft zutiefst gleichgültig gegenüber.« (S. 57)

Die reichen Eliten beispielsweise in Kalifornien sind vollkommen auf den Pazifik ausgerichtet. Sie machen ihr Geld in internationalen Geschäften. Was kümmert sie der Mittlere Westen? Die Armut in den Appalachen? Die Slums in New Orleans? Die Zukunft sehen sie in trans-pazifischen Handelsbeziehungen. Von Loyalität und Verantwortung gegenüber ihren Landsleuten ist kaum etwas vorhanden.

Wie in Amerika, so in Europa. Auch in Europa lassen sich laut Christopher Lasch diese Tendenzen eindeutig feststellen:

»Dieselben Tendenzen sind überall auf der Welt am Werk. Volksbefragungen über die Vereinigung Europas enthüllten eine sich immer weiter vertiefende Kluft zwischen der Kaste der Politiker und den gewöhnlichen Mitgliedern der Gesellschaft, die befürchten, daß Bürokraten und Technokraten, die kein Gefühl für nationale Identität oder nationale Bindungen haben, die europäische Wirtschaftsgemeinschaft beherrschen werden. Ein von Brüssel aus regiertes Europa wird aus ihrer Sicht der Kontrolle durch das Volk und den politischen Interessen des Volkes immer weniger zugänglich sein. Die internationale Sprache des Geldes wird die lokalen Sprachen übertönen. Das Wiedererstarken des ethnischen Partikularismus in Europa ist unter anderem auf solche Ängste zurückzuführen.« (S. 58)

Dennoch glauben viele dieser reichen Eliten in den USA und Europa, die Probleme der Gesellschaft zu kennen. Aber ihre Lösungsansätze basieren nicht aufgrund eigener Erfahrungen mit dem Leben der »kleinen Leute«, sondern aufgrund linksliberalem Gedankengutes, das sie am College und an der Universität kennengelernt haben.

Wissen sei nur ein Herrschaftsinstrument: Wie nach Christopher Lasch die Linke argumentiert

Das Problem ist, dass die Mischung aus elitärer Abgehobenheit und Prägung durch linksliberales Gedankengut die Eliten von den wirklichen Problemen der Bevölkerung abkapselt. Sie denken, durch linksliberale Wirtschaftspolitik (Feminismus, Multikulti) der Bevölkerung etwas Gutes zu tun. Doch sie verkennen, dass die Gesellschaft vor allem daran krankt, wie die Mittelschicht zerfällt. Denn durch die Auslagerung der Industrieproduktion aus Amerika und Europa nach Asien sind immer mehr einst bürgerliche Schichten verarmt und ins Prekariat abgerutscht.

Doch die Wirtschaftseliten erkennen nicht, wie sie selbst Mitverursacher des Problems sind. Sie erkennen nicht, dass Feminismus und Multikulti die Mittelschicht Amerikas und Europas nicht wieder aufrichten. Noch schlimmer: Durch ihre linksintellektuelle Geisteshaltung (die bei reichen Menschen zu einer Art Salon-Sozialismus führt) sind sie kaum zugänglich für rationale Erkenntnisse und Fakten. Das liegt daran, dass sie die linke Vorstellung übernommen haben, solche Erkenntnisse seien nur Argumente zur Stabilisierung von Herrschaft.

Welche linke Denkart ist hier gemeint?

Um den politischen und intellektuellen Diskurs zu dominieren, bemüht sich die Linke einer Methode, Wissen mit Meinung gleichzustellen. Die Linke argumentiert, dass die klassische Definition von Wissen ein Herrschaftsinstrument sei.

Die typische Argumentationskette der linksliberalen Politiker und Linksintellektuellen lautet nach Christopher Lasch (S. 21) folgendermaßen:

»Die herrschende gesellschaftliche Gruppe, in der üblichen Formulierung als weiß, männlich und eurozentristisch charakterisiert, zwingt anderen ihre Ideen, ihren Wertekanon und die ihren eigenen Interessen dienenden Geschichtsinterpretationen auf. Ihre Macht, andersgeartete Standpunkte zu unterdrücken, versetzt sie angeblich in die Lage für ihre eigenen partikularistische Ideologie des Status der universellen, transzendenten Wahrheit zu beanspruchen. Die kritische Demontage des akademischen Fundamentalismus enthüllt, so die akademische Linke, die Hohlheit dieses Anspruches und ermöglicht es entrechteten Gruppen, die herrschende Orthodoxie anzufechten und ihr vorzuwerfen, Frauen, Homosexuelle und ethnische Minoritäten unten zu halten. Wenn die herrschende Weltauffassung diskreditiert ist, sind Minoritäten in der Position, sich durch ihre eigene Auffassung zu ersetzen oder zumindest sicherzustellen, daß die Auffassungen der Schwarzen, der Feministinnen, der Homosexuellen, der Chicanos und anderer gleichberechtigt anerkannt werden und daß ihren spezifischen Projekten und Forschungsrichtungen innerhalb der Universität der gleiche Raum gegeben wird. «

Und weiter heißt es:

»Sobald Wissen mit Ideologie gleichgesetzt ist, braucht man mit Gegnern nicht mehr aus intellektuellen Gründen zu argumentieren oder sich auf ihre Standpunkte einzulassen. Es genügt, sie als eurozentristisch, rassistisch, sexistisch oder homosexuellenfeindlich, mit anderen Worten: als politische suspekt abzuqualifizieren.«

Was folgt daraus? Es folgt daraus, dass sowohl die politische als auch die wissenschaftliche Debatte die Grundlage der Fakten verlassen hat, weil alles Wissen, alle Fakten, alle Statistiken als Herrschaftsinstrumente bezeichnet und somit in ihrer Bedeutung relativiert werden können. Wen wundert es, dass Debatten und Diskussion mit radikalen Linken so aussichtslos sind?

Fazit:

Wir haben auf der einen Seite superreiche Globalisten und Kosmopoliten, die von der Welt der Normalbürger völlig abgekapselt sind und daher die wirklichen Nöte der bürgerlichen Mittelschicht nicht wahrhaben können und wollen. Und wir haben auf der anderen Seite den linksintellektuellen Kulturkampf gegen das Bürgertum. Das Ergebnis ist die Zerstörung des Bürgertums und der Mittelschicht als staatstragende Bevölkerungsmehrheit. Die Gesellschaft wird gespalten. Die Bürger wählen Protestparteien und die Linksintellektuellen verstehen das nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf freiewelt.net

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