China und Indien: Konkurrenten und Verbündete

Die BRICS-Staaten sind der Gegenblock zur US-dominierten westlichen Welt. Doch die Konkurrenz zwischen China und Indien scheint die BRICS-Staaten zunehmend zu belasten. Beide Atom-Mächte geraten immer wieder aneinander.

Die Welt ist in zwei mächtige Blöcke gespalten: Auf der einen Seite steht die von den USA angeführte westliche Welt. Zu ihr gehören Nordamerika, Europa und Australien. Verbunden mit ihr sind auch ostasiatische Staaten wie Japan, Südkorea und Taiwan. Die von den USA dominierte Welt ist geprägt von den Finanzplätzen in New York, London und Tokio, vom IWF und der Weltbank, von der EU und den großen Handelspartnerschaften.

Den anderen großen Block bilden die sogenannten BRICS-Staaten. Dies sind Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Sie stellen mit rund 3 Milliarden Menschen rund 40 Prozent der Weltbevölkerung. Die BRICS-Staaten zeichnen sich dadurch aus, dass sie Alternativen zum Kurs der US-dominierten Welt anbieten, seien es eine eigene Entwicklungsbank oder eigene Leitwährungspläne.

Die Dritte Welt oszilliert zwischen beiden Blöcken. Einerseits gilt China als Staat der Zukunft. Andererseits kann es sich kaum ein Land leisten, die USA zu provozieren, solange sie noch Weltmacht sind.

BRICS-Staaten sind uneinheitlicher als die US-dominierte westliche Welt

Die Hierarchie der westlichen Welt ist klar gegliedert. An erster Stelle stehen die USA, an zweiter die Staaten der EU. Dann folgt der Rest. An der Dominanz der USA lässt sich nicht zweifeln. Das lässt Washington alle Verbündeten spüren.

Die BRICS-Staaten haben diese Hierarchie nicht. China, Russland und Indien versuchen sich als gleichwertige Staaten auf einer Augenhöhe gegenüberzutreten. Russlands Militärmacht ist unangefochten, ebenso ist es Chinas Wirtschaftsmacht. Immer wieder wird spekuliert, inwieweit diese Staaten nur temporär-taktisch oder langfristig strategisch zusammenarbeiten. Hinzu kommt, dass die BRICS-Staaten sich kulturell untereinander weniger ähneln als die westlichen Staaten.

Grenzkonflikte zwischen China und Indien in der Himalaya-Region

Wie unter anderen Sputnik News, das Handelsblatt und die Deutsche Welle berichteten, haben China und Indien rechtzeitig vor ihrem BRICS-Gipfel in der chinesischen Hafenstadt Xiamen ihre seit langer Zeit schwelenden Grenzstreitigkeiten beigelegt.

Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Grenzstreitigkeiten zwischen den beiden Großmächten. Aktuell ging es um das Doklam-Plateau an der Drei-Staaten-Grenze zwischen Bhutan, Indien und China im Himalaya. Angefangen hatte alles mit dem Bau einer Gebirgsstraße durch chinesische Bauunternehmen und der chinesischen Armee, bei dem auch Territorium berührt wurde, das offiziell zu Bhutan gehört. Indien ist hier als Fürsprecher Bhutans aufgetreten. Schließlich hatte die Situation dazu geführt, dass sowohl Indien als auch China ihre Truppen dort aufmarschieren ließen, um Präsenz zu zeigen.

Die beiden Atommächte China und Indien haben seit Jahrzehnten immer wieder Grenzstreitigkeiten. 1962 hatten diese Streitigkeiten sogar zu einem kurzen Krieg geführt. Damals war es hauptsächlich um wichtige Gebirgspässe und Täler im Nordosten der indischen Provinz Jammu und Kashmir gegangen. Westlich davon gibt es einen zweiten Unruheherd, in dem sich Indien mit Pakistan um Gebiete gestritten hatte.

China und Indien haben unterschiedliche geopolitische Interessen

Die Konflikte zwischen Indien und China um kleine Gebiete in der Himalaya-Region flackern immer wieder auf. Doch ist nicht damit zu rechnen, dass daraus ein größerer Konflikt entsteht, der China und Indien gegeneinander in Kriegsstimmung bringt. Dazu sind andere Interessen wichtiger. Für China ist sind die Kopplung Taiwans an das chinesische Mutterland, die Beziehungen zu Japan und Südkorea, das Nordkorea-Problem und die Seegebiete im südchinesischen Meer ungleich wichtiger.

Indien dagegen hat seine großen außenpolitische Herausforderungen nach wie vor im Umgang mit Pakistan. Gefährlich für Indien wäre es allerdings, wenn China zu eng mit Pakistan kooperiert, um vom Westen Chinas einen Zugang zum Indischen Ozean durch Pakistan auszubauen.

China ist Indien sowohl militärisch als auch wirtschaftlich überlegen

China ist entsprechend seiner Kaufkraft-Parität weltweit der Staat mit dem größten Bruttoinlandsprodukt. In nur wenigen Jahren wird die Volksrepublik auch nominal die USA als größte Volkswirtschaft abgelöst haben. Wirtschaftlich, militärisch und politisch wird dann China neben den USA die zweite Weltmacht sein. In Washington zweifelt niemand mehr daran.

Ein wichtiges Element beim Aufstieg Chinas waren die geringen Lohnkosten. In den 1970er Jahren wurde ein Teil der britischen Industrieproduktion nach Hongkong ausgelagert, weil dort die Herstellungs- und Lohnkosten geringer waren. Wir erinnern uns an die zahlreichen Produkte »Made in Hong Kong«. Schließlich wanderte ein großer Teil dieser Industrieproduktion über die Grenze nach Shenzhen ab, einer chinesischen Hafenstadt, die im Zuge dieses Prozesses von einer mittelgroßen Stadt mit rund 300.000 Einwohnern zu einer Riesenmetropole mit mehr als 10 Millionen Einwohnern heranwuchs. Von Shenzhen aus verbreitet sich die moderne Industrieproduktion entlang der chinesischen Küste und dann weiter ins Inland. Heute hat »Made in China« das alte »Made in Hong Kong« abgelöst. Die Metropole hat sich von einem Industriestandort zu einer Handels- und Finanzmetropole weiterentwickelt.

Der Sog dieser Entwicklung war bis heute die günstige Produktion gewesen. Doch zunehmend fordern auch die Chinesen mehr Lohn und einen höheren Lebensstandard. Daher wird ein Teil der Billigproduktion internationaler Konzerne zunehmend nach Südostasien – wie zum Beispiel Vietnam oder Thailand – oder nach Südasien – wie zum Beispiel Bangladesch und Indien – ausgelagert.

Indien hat also den Vorteil geringerer Kosten für die produzierende Industrie. Allerdings hat Indien im Gegensatz zu China den Nachteil einer wesentlich schlechteren Infrastruktur.

Das Indien von heute schickt Satelliten ins Weltall, lockt Softwareunternehmen ins Land und stellt eigene Autos her. Die neue indische Mittelschicht träumt von einem Aufstieg wie die Mittelschicht in China. Doch die Probleme im eigenen Land sind wesentlich größer: Vom Kastensystem bis zu den Massen-Slums der Armen in den Vorstädten, von der mangelnden Infrastruktur bis zur großen Zahl der Analphabeten hängt Indien immer noch weit hinterher.

Einzig und allein die geringeren Produktionskosten sind auf lange der Sicht der wirtschaftliche Standortfaktor, der für Indien spricht. Solange China seinen Vorsprung hält, wird es mit Indien eher kooperieren als konkurrieren wollen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf freiewelt.net